Was Dich hier erwartet:
Wir befinden uns in einer Börsenphase, die wir alle so noch nicht erlebt haben: Die Wirtschaft hat die Folgen von Corona noch nicht verarbeitet, die Lieferketten sind gestört, in Europa tobt ein Krieg, der mit Sanktionen und diese wiederum mit Energielieferstopps beantwortet. Gleichzeitig schießt die Inflation in die Höhe und die Notenbanken starten eine Zinswende, die in ihrer Dynamik und Vehemenz nicht zu erwarten war.
Aktien- und Anleihenmärkte erleben ein gleichzeitig ein deutliches Verlustjahr – auch das gab es so noch nicht.
Und wie gehst Du als Anleger mit der Situation um? Wenn Du lang genug an der Börse aktiv bist, dann kennst Du solche Situationen. Denn neu sind nur die Themen und sicher auch die Vielfalt. Aber Krisen und Unsicherheiten gab es schon immer. Genau davon lebt ja auch die Börse und dafür sind die Risikoprämien, nämlich die durchschnittliche Kursentwicklung nebst Dividendenzahlungen, auch höher als bei anderen Anlagearten. Aber eine höhere Prämie gibt es nur, wenn eben auch die Schwankungen und die Verlustgefahr größer sind.
Ich möchte deshalb die Gelegenheit nutzen und noch einmal beschreiben, wie ich mein Anlageverhalten einordne. Und wie ich auf veränderte Situationen reagiere.
Meine Anlagephilosophie mit dem Dividendendepot
Ich habe für mich nach vielen Jahren des Suchens festgestellt, dass ich mit einer langfristigen Anlagestrategie die höchsten Erträge erzielen kann. Um diese Langfristigkeit zu erreichen, setze ich auf Dividendentitel. In gewisser Weise manipulieren sie mich nämlich! Oder anders ausgedrückt: ich überliste mit ihnen meinen Spieltrieb.
Ich habe mir ein Ziel gesetzt, dass ich regelmäßige Erträge aus meiner Geldanlage erhalten möchte. Der für mich beste Weg dahin sind Dividenden. Also suche ich nach Aktien, die eine sichere Dividende zahlt und diese auch kontinuierlich steigert. Ich suche explizit nicht nach den höchsten Dividendenzahlern, sondern wünsche mir einen breiten Mix. Viele Aktien haben ein hohes Dividendenwachstum, dafür ist die Dividendenrendite zunächst relativ niedrig. Bei anderen Titeln ist die Dividendenrendite ziemlich hoch, dafür steigt die Dividende nur noch wenig.
Automatische Überprüfung durch Dividenden sichergestellt
Bei jeder Dividendenzahlung vergleiche ich die Zahlung mit dem Vorjahr bzw. Vorquartal und werfe einen Blick auf die Entwicklung des Aktienkurses und die letzten Geschäftszahlen. Damit überprüfe ich automatisch meine beim Kauf der Aktie angenommenen Motive. Und ich entscheide dann, ob alles unverändert bleibt (der absolute Regelfall), ich die Aktie nachkaufen möchte oder sie zum Verkaufskandidaten wird.
Was für mich Buy-and-Hold-and-Check bedeutet
Grundsätzlich kaufe ich keine Aktie, um sie nur für die nächsten Wochen oder Monate zu halten. Wenn ich nicht davon überzeugt bin, dass ich sie für Jahre oder Jahrzehnte im Depot halten kann, dann ist sie nicht für mich geeignet.
Ich schaue mir also an, ob das Unternehmen einen Burggraben hat, der für Wettbewerber nur schwer zu überwinden ist. Dieser Burggraben kann in herausragenden Produkten, einer großen Markenbekanntheit oder auch in einem großen Marktanteil bestehen.
Aber selbst der tiefste Burggraben kann überwunden werden. Nicht umsonst gibt es heute keine Burgen mehr, die noch von Rittern verteidigt werden. Und auch Marktführer können durch Disruptionen verdrängt werden. Ich denke da nur an Nokia, die bei den Handys die absolute Nr. 1 waren – bis dann der Siegeszug der Smartphones begann. Genauso gibt es viele Dinge aus meiner Kindheit oder Jugend, bei denen ich damals einen Burggraben gesehen hätte, wenn ich das Konzept schon gekannt hätte und mich schon mit Aktien beschäftigt hätte. Commodore hatte beispielsweise bei Heimcomputern in den 80er Jahren einen Marktanteil von mehr als 50% in Deutschland.
Ändern sich die Rahmenbedingungen, sei es durch veränderte Gewohnheiten, neue Wettbewerber, aber auch Fehlentscheidungen des Managements, dann kann das ein Anlass sein, dass ich mich auch wieder von einer Aktie trenne.
Und das ist nichts Schlimmes! Ich bin schließlich mit keiner Geldanlage verheiratet und setzte ja gerade auf börsennotierte Beteiligungen, weil ich für diese einen Marktpreis bekomme und es eine Exit-Möglichkeit gibt.
Beispiele
Bei meiner Analyse (dem regelmäßigen „Check“) schaue ich sowohl auf Faktoren innerhalb des Unternehmens als auch auf die Rahmenbedingungen. Und bei beiden Bereichen ist mir der langfristige Blick wichtig. Ich stelle mir die Frage, ob ein Ereignis vorübergehend ist und welchen Einfluss es auf die Zukunft hat.
Ein Beispiel war der Corona-Crash und die folgenden Dividendenaussetzungen einiger Unternehmen. Prinzipiell sind Dividendenkürzungen oder gar Aussetzungen für mich eine rote Ampel, die ich sehr kritisch sehe und die zunächst für einen Verkauf sprechen. Komplett ausgesetzt haben ihre Dividenden Unternehmen meines Dividendendepots, die mit Flugverkehr zu tun hatten: Der australische Flughafenbetreiber Sydney Airport und die italienische Flugsicherung ENAV. Da habe ich mich gefragt, ob ich mir eine Welt dauerhaft ohne Flugverkehr vorstellen kann. Die Antwort war ein klares Nein. Ich bin deshalb nicht ausgestiegen, da beide Unternehmen eine Monopolstellung haben und auch in Zukunft wieder prosperieren werden. Sydney Airport ist dann relativ bald von Private Equity-Investoren übernommen worden. ENAV wird nun in diesem Jahr erstmals wieder eine Dividende zahlen, ist aber noch vom Vor-Corona-Niveau entfernt. Meine Annahmen haben sich also als zutreffend erwiesen.
Es gibt aber auch Beispiele, bei denen ich mich von einem Unternehmen getrennt habe. Und zwar aus politischen Gründen. Das war bei dem Betreiber der U-Bahn von Hong Kong (MTR) der Fall oder ganz frisch auch bei dem britischen Windparkbetreiber Greencoat UK Wind. In Hong Kong hat die chinesische Regierung sich nicht an die Zusagen zum Sonderstatus gehalten und die Situation rund um Demonstrationen und Meinungsfreiheit war für mich nicht mehr einschätzbar. Das ist dann eine externe Veränderung, die dazu führt, dass die Aktie nicht mehr in mein Depot passt. In Großbritannien erleben wir gerade ein weiteres Stück des Niedergangs. Angefangen beim Brexit, gefolgt von unglaublich schlechten Premierministern (von Theresa May über Boris Johnson bis hin zu Liz Truss), dem stetigen Abwerten des Pfundes, explodierender Zinsen und kriselnder Pensionsfonds gibt es sehr viele Gründe, die mich an meinen Investments in Großbritannien zweifeln lassen. Als dann noch eine Steuer zur Begrenzung des Umsatzes von Betreibern erneuerbaren Energien eingeführt wurde, zog ich meine Konsequenzen und verkaufte.
Genauso gibt es Beispiele, bei denen ich vom Management des Unternehmens enttäuscht war. Und dann für mich entschieden habe, dass ich nicht mehr daran beteiligt sein möchte. So haben mich drei Prognosesenkungen in Folge von Kimberly-Clark verschreckt – wohlgemerkt in einem an sich freundlichen Gesamtumfeld.
Mir geht es bei solchen Entscheidungen nicht unbedingt um kurzfristige vermiedene Verluste. Genauso wie ich bei Käufen nicht vorhersagen kann, dass die Aktie dann steigen wird, kann ich bei Verkäufen nicht sicher sein, dass der Aktienkurs sinken wird. Aber ich habe kein gutes Gefühl mehr, wenn ich nicht mehr voll und ganz von dem Unternehmen überzeugt bin. Und bei einem schlechten Gefühl trenne ich mich.
Subjektive Entscheidungen
Wie Du bestimmt gemerkt hast, ist die Überprüfung bei mir häufig mit „weichen“ Faktoren verbunden. Es sind selten harte Zahlen, die mich zum Verkauf bewegen. Denn in der Regel schaue ich mir die Zahlen sehr genau an, bevor ich investiere. Und dann sind die auch Umsätze und Gewinne auch relativ sicher. Abweichungen im kleineren Prozentbereich kommen natürlich vor, ändern aber nichts an meiner Investmententscheidung. Denn dafür bin zu überzeugt vom Geschäftsmodell und verkaufe auch nicht wegen eines schwachen Quartals oder Jahrs.
Die politischen Rahmenbedingungen schätzt aber jeder Investor unterschiedlich ein. Was mir ein Störgefühl verursacht, ist für einen anderen Aktionär womöglich ein Grund zum Nachkauf. Und auch das ist absolut normal und richtig. Denn ohne diesen unterschiedlichen Einschätzungen würde kein Börsenhandel zustande kommen.
Mir ist es wichtig, in meinem Blog meine Entscheidungen transparent zu machen. Damit Du Dir ein Bild darüber machen kannst und Dir selbst eine Meinung bilden kannst. Denn ohne eigene Meinung wirst Du mit Einzelaktien auf Dauer keinen Erfolg haben können. Dann solltest Du besser in ETFs investieren und damit „mit dem Markt schwimmen“. Auch das wäre völlig okay.
Und da es sich ja um meine subjektive Einschätzung handelt und ich diese auch transparent mache, bist Du herzlich dazu eingeladen, darüber zu diskutieren. Ich treffe keine Entscheidungen, um mich dann bejubeln zu lassen! Und ich halte auch Kritik daran aus, hinterfrage mich und lasse die Erkenntnisse daraus womöglich in zukünftige Entscheidungen einfließen.
Konsequentes Handeln notwendig
Beim jüngsten Verkauf von Greencoat UK Wind hatte ich tatsächlich kurz zwei Gedanken: 1. Das ist aber schade, ich habe die Aktie ja gerade erst im letzten Jahr vorgestellt und in die Analyse auch viel Arbeit reingesteckt. 2. Wie kommt das jetzt bei den Lesern an, wenn ich hier Nachhaltigkeit propagiere und einen Windparkbetreiber verkaufe?
Genauso schnell standen für mich aber die Antworten fest: Meine ursprüngliche positive Einschätzung zur Zukunft von Erneuerbaren Energien in Großbritannien ist für mich derzeit nicht mehr haltbar. Ich kann die politische Situation und die Auswirkungen der neuen Steuer nicht abschließend bewerten. Und dann gab es nur ein klares Verkaufen für mich. Verbunden mit dem Willen, wieder in Greencoat UK Wind einzusteigen, wenn meine ursprüngliche Einschätzung für mich wieder verlässlich sein sollte.
Etwas Statistik zum Schluss
Komplettverkäufe von Aktien aus dem Dividendendepot sind bei mir nicht so häufig, wie sie vielleicht beim Lesen erscheinen. Denn natürlich bleibt Dir das als regelmäßigem Leser eher in Erinnerung als der Bericht über eine Dividendenzahlung.
Zum Start des Divantis-Blogs am 1.1.2017 habe ich mein Dividendendepot veröffentlicht. Es umfasste damals 33 Titel. Davon sind heute, also fast 6 Jahre später, immer noch 18 Titel im Dividendendepot, einer (AT&T) wechselte ins Optionsdepot. 2 Titel (Sydney Airport und Abertis) wurden übernommen. Ich habe mich also in 6 Jahren aktiv von 12 von 33 Unternehmen getrennt. Das sind 2 pro Jahr. Wenn ich mir die Namen der Unternehmen anschaue, dann bin ich bis heute mit den Entscheidungen zufrieden. Manchen Aktien (wie Kimberly-Clark, Kellogg oder Unilever) habe ich lange die Treue gehalten und dann wegen des Managements verkauft. Bei anderen passten die Rahmenbedingungen nicht mehr für mich.
In den letzten Jahren habe ich die Titelzahl im Dividendendepot deutlich erhöht, aktuell liegt sie bei 50. Schon aufgrund dieser höheren Anzahl wird es immer wieder vorkommen, dass ich mich von einzelnen Aktien trenne. Aber eins ist sicher: Mein Ansatz wird Buy-and-Hold-and-Check bleiben. Und ich werde weiter auf meine Dividendeneinnahmen achten. Und ich hoffe selbstverständlich, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt die besten Aktien ausgewählt habe und es keinen Anlass zu Verkäufen gibt. Würde ich die nämlich jetzt schon kennen, dann würde ich die Aktien auch jetzt schon verkaufen.

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