Spiel mit dem Feuer oder sinnvolle Ergänzung? Der Wertpapierkredit

Origami Blumenstrauss aus 20-Euroscheinen

In einigen Beiträgen zu Käufen von Aktien habe ich am Rande erwähnt, dass ich dafür einen Wertpapierkredit in Anspruch genommen habe.

Heute will ich das mal etwas näher beleuchten und die Vor- und Nachteile darstellen.

Nach der Vorstellung, was überhaupt ein Wertpapierkredit ist, und den unterschiedlichen Konditionen der führenden Online-Broker geht es vor allem um die Frage, ob die Inanspruchnahme ein Spiel mit dem Feuer ist oder – unter gewissen Bedingungen – eine sinnvolle Ergänzung einer langfristigen Anlagestrategie sein kann.

Funktionsweise

Ein Wertpapierkredit ist zunächst eine Kreditlinie, die mit den Wertpapieren, die sich im Depot bei der kreditgebenden Bank befinden, besichert ist.

Dabei legt die Bank eine Besicherungsquote fest und stellt dafür einen Kredit auf Abruf zur Verfügung. Diese Quoten sind je nach Bank unterschiedlich und variieren meist auch nach der Wertpapierart. Bei deutschen Standard-Aktien liegt sie meistens bei etwa 50%. Habt Ihr also ein Depot, das aus DAX-Aktien besteht und einen Depotwert von 10.000 € hat, dann könnt Ihr einen Wertpapierkredit über 5.000 € bekommen. Sinkt der Depotwert auf 8.000 €, dann beträgt der Kredit automatisch nur noch 4.000 €.

Unterschied zu anderen Krediten

Und das ist auch der größte Unterschied zu einem „normalen“ Kredit: der Kredit richtet sich nicht nach Eurer persönlichen Bonität oder einem Haus, das Ihr kauft. Sondern ausschließlich nach dem Depotwert. Stellt euch jetzt vor, es gibt einen Crash und der Depotwert sinkt massiv. Habt Ihr dann einen Wertpapierkredit in Anspruch genommen und Euer Depotwert reicht dafür nicht mehr als Sicherheit aus, dann seid Ihr verpflichtet, den Kredit sofort so weit zurückzuführen, dass die Sicherheiten wieder ausreichen. Wenn Ihr kein Geld für eine sofortige Überweisung auf einem anderen Konto habt, dann bleibt Euch nichts anderes übrig als Wertpapiere zu verkaufen. Und zwar mitten im Crash und zu Kursen, die Ihr als viel zu gering erachtet.

Damit sind wir direkt auch schon beim größten Nachteil angelangt.

Konditionen

Daneben gibt es aber noch weitere und die haben mit den Konditionen zu tun: Ich habe bei drei Banken einen Wertpapierkredit eingeräumt bekommen (warum ich mehrere Depots bei verschiedenen Banken habe, könnt Ihr hier nachlesen!):

Comdirect Bank: 30.000 € Kreditlinie zu 3,9% p.a.

Augsburger Aktienbank: 50.000 € Kreditlinie zu 4,8% p.a.

Consorsbank: 6.000 € Kreditlinie zu 5,4% p.a.

Ein Wertpapierkredit ist also nicht günstig. Noch teurer wird er, wenn man bedenkt, dass man als Privatanleger die Zinsen nicht als Werbungskosten von den Kapitalerträgen abziehen darf. Deshalb kann man nicht rechnen: Kaufe ich mir einfach eine Aktie mit mehr als 3,9% Dividendenrendite, dann finanziert sich der Wertpapierkredit schon von selbst. Aufgrund des Steuereffekts müsste die Dividendenrendite vor Steuern bei mehr als 5,3% liegen, damit diese Rechnung aufgeht.

Genauso natürlich für Kursgewinne: Die Kosten des Wertpapierkredits müssen erst mal verdient werden!

Aber welche Vorteile stehen den unbestrittenen Nachteilen denn gegenüber?

Ein Wertpapierkredit ist erst einmal sehr einfach zu erhalten. Man muss eben keine Gehaltsabrechnungen o.ä. bei der Bank einreichen, sondern lediglich ein Formular ausfüllen. Manchmal nicht mal das!

Man erhält dadurch eine zusätzliche Liquidität für den Fall des Falles. Und kann den Kredit jederzeit zurückzahlen. Ohne irgendwelche Fristen oder Ankündigungen. Einfach auf das Konto überweisen und sofort reduziert sich die Inanspruchnahme. Genauso reduzieren Dividendengutschriften sofort den Kredit.

Ich nutze den Wertpapierkredit sehr häufig für die abweichende Valuta bei Aktienkäufen. Dann kostet er mich gar nichts. Wieso das? Bei dem Kauf einer Aktie muss ich heute die Liquidität auf dem Konto bereitstellen. Die Wertstellung der Belastung erfolgt aber zwei Bankarbeitstage später. Durch den Wertpapierkredit muss ich nichts bereitstellen und habe dann genügend Zeit, eine Überweisung von meinem Guthaben hin zu dem Depotkonto zu tätigen. Das gibt mir eine enorme Flexibilität, da ich sonst immer erst Guthaben überweisen müsste, bevor ich überhaupt eine Wertpapierorder aufgeben kann. Und manchmal wird die Order ja auch nicht ausgeführt, wenn ich z.B. das Limit zu eng gesetzt hatte. Die Zinsrechnung für den Wertpapierkredit ist selbstverständlich nach der Wertstellung – deshalb kostet er mich für diese Konstellation nichts.

Ein anderer Vorteil, den ich für mich sehe, der aber umstritten ist, ist die Vorfinanzierung von sicheren Einnahmen in der nächsten Zeit. Ich weiß z.B. relativ genau, wann ich eine Sonderzahlung aus meinem Job erhalte oder eine Rückerstattung meiner privaten Krankenversicherung. Wenn ich dann eine Kaufgelegenheit sehe, verplane ich diese Einnahmen schon mal gedanklich und nehme den Wertpapierkredit in Anspruch.

Das kann man schon als „Spiel mit dem Feuer“ bezeichnen, weil die Verlockung natürlich groß ist, deutlich mehr zu investieren als an Einnahmen in naher Zukunft eintrifft. Man lügt sich dann was in die Tasche und rechnet immer weiter in die Zukunft. Irgendwann ist dann der Wertpapierkredit ausgeschöpft und man steht voll im Risiko der Börse. Das ist die Gefahr, keine Frage!

Der letzte Vorteil ist aus meiner Sicht, dass der Wertpapierkredit für Beruhigung sorgt: Die Kreditlinien kosten mich nichts, ich muss keine Bereitstellungsgebühren dafür zahlen. Aber ich weiß, dass ich jederzeit auf einen Kreditrahmen zurückgreifen kann. Ich muss deshalb für wirklich Unvorhergesehenes kein extra Sparkonto anlegen. Das gibt mir eine zusätzliche Sicherheit.

Mein eigener Wertpapierkredit

Ich habe aktuell in meinen Depots Aktien im Wert von rund 300.000 € liegen. Darauf könnte ich 86.000 € Wertpapierkredite in Anspruch nehmen. Für mich ist ganz klar: Das wäre mir zu viel! Das wären fast 30% des Depotvolumens und ein viel zu hohes Risiko.

Aber gegen vorübergehende 5% ist meines Erachtens nichts ernsthaft einzuwenden. Jedenfalls nicht aus Risikosicht. Die andere Frage ist eher, ob man wirklich eine Kaufchance verpasst, wenn man nicht wartet, bis das Guthaben wieder groß genug ist.

Und Ihr?

Wie handhabt Ihr das mit Wertpapierkrediten? Nutzt Ihr sie oder beantragt Ihr sie bewusst nicht, um nicht in Versuchung zu geraten?

13 Gedanken zu „Spiel mit dem Feuer oder sinnvolle Ergänzung? Der Wertpapierkredit“

  1. Halte das für Teufelszeug: Ich hab schon oft genug danebengelegen, um mir nicht zu trauen, wenn ich gerade keine Liquidität habe und JETZT ABER DIE GROSSE CHANCE UM DIE ECKE KOMMT!!!111

    Im Gegenteil: Meine „Null-Linie“ liegt bei 10% Liquidität am Depotwert, die ich mir allenfalls kurzfristig zu unterschreiten erlaube.
    So habe ich bei fallenden Kursen und Kaufgelegenheiten jedenfalls immer noch ein wenig Puffer.

    Hypothetische Frage:
    Ist es bei einer Kaufgelegenheit und wenig Liquidität nicht eine günstigere Option, ein Hebelprodukt auf den Wert zu kaufen, anstatt den Kredit in Anspruch zu nehmen?
    Beispiel: Du möchtest Aktie A für 2.000 € kaufen, hast aber nur 1.000 €. Statt jetzt einen WP-Kredit über 1.000 € aufzunehmen, könntest du doch einfach auch für 1.000 € das Hebelprodukt mit Hebel 2 kaufen, oder?
    Zumindest bei Indizes oder größeren Werten liegen doch die jährlichen Gesamtkosten für Hebelprodukte deutlich unter 3,9%-5,4%.

  2. Ich sehe den Wertpapierkredit (WPK) als sehr nützlich an. Er schafft mir zu super günstigen Konditionen einen Kreditrahmen. Wenn ich spontan mal Geld brauche muss ich nicht mein Konto überziehen, sondern nehme den WPK in Anspruch. Außerdem kann ich diesen sofort tilgen, ohne Extragebühren.
    Das Risiko ist eben nur, dass ich Aktien dauerhaft auf Pump kaufe, weil sie so günstig sind und danach bricht der Kurs weiter ein. Wenn ich den Kredit aber nur wie oben beschrieben verwende ist alles super. Zur Not brauche ich eben 2 Jahre zum Abzahlen, aber das wäre bei einem Ratenkredit nicht anders

  3. Hallo Ben,

    hatte es ja schon erwähnt und bin da immer noch nicht bei dir. Gut wenn es ohne Kosten genutzt wird ist es egal.

    Abe auch wenns nur 5% vom maximal Kreditrahmen sind, ist es eine Spekulation darauf den Markt richtig getimet zu haben. Ich meine es ist so schon fraglich ob man eine höhere Rendite mit Kursgewinnen erzielt, als man an Kosten für den Wertpapierkredit in dieser Zeit abstottert. Zudem wenns noch weiter runtergeht ärgert man sich vielleicht total und hat dann das Bedürfnis vielleicht durch weiteres ausschöpfen des Kredits, wieder aufzuholen.

    Den extrem Fall hast du ja treffend beschrieben. Man muss vielleicht auch weiter Denken, wie es ansonsten mit Cashreserven für Dinge des alltäglichen Lebens aussieht

    Letztenendes kann ich aber auch nachvollziehen, dass man die guten Gelegenheiten nicht verpassen will. Ich selbst will mir auch immer eine Cashposition ansparen für solche Gelegenheiten. Komme aber nicht wirklich dazu, weil es irgendwie immer eine Gelegenheit gibt. Deswegen versuche ich verpassten Gelegenheiten auch nicht hinterherzutrauern.

    Wir sind ja schließlich erwachsen und jeder muss halt selbst definieren mit welche Risiken man schultern kann.

    Gruß Fred

  4. Habe auch schon darüber nachgedacht einen Wertpapierkredit in Anspruch zu nehmen aber da bei der Comdirect Bank der Wertpapierkredit unglaubliche 3,9% p.a. kostet ist das kein Thema.
    Bei Degiro kostet der Wertpapierkredit meiner Meinung nach 1,25% p.a. Vielleicht Wechsel ich auch mit meinem Depot dahin und nehme dann einen Wertpapierkredit auf.

    1. Hallo Marco,

      Degiro will ich mir demnächst auch mal genauer anschauen. Bisher schreckt mich ab, dass sie nicht in Deutschland sitzen und ich die Abgeltungssteuer dann selbst abführen muss. Diesen Aufwand will ich mir eigentlich ersparen…

      Viele Grüße Ben

  5. Lösung: Fondsdiscount.de
    Betreiben ein beratungsfreies Geschäft.
    Das einzige was ich von denen bekomme ist eine Zeitschrift alle 6 Monate. Diese kann ich aber auch abbestellen. Stiftung finanztest hat mir dies empfohlen.

  6. Wenn man Wertpapiere kaufen möchte, dann muss beim Broker auch das entsprechende Guthaben vorgehalten werden. Ich kaufe Aktien grundsätzlich nur von vorhandenem Guthaben – Wertpapiere auf Kredit zu kaufen ist ein unverhältnismäßig hohes Risiko und kann zu „teuren“ Notverkäufen führen.

    Trotzdem nutze ich einen Wertpapierkredit – Ich stelle ab und zu bei einigen Wertpapieren eine Kauforder ein und setze dazu einen relativ niedrigen Kaufkurs mit einer langer Laufzeit ein (… ein sogenanntes „Abstauber-Limit“…). Wenn es dann funktioniert und ich die Wertpapiere erhalte,dann wird der Kaufpreis vom vorhandenen Guthaben auf das Konto beim Broker übertragen.

    Auf diese Weise ist mir schon das eine oder andere „Schnäppchen“ geglückt.

    1. Hallo Anne,

      für diese Abstauber-Limits ist der Wertpapierkredit auf jeden Fall eine gute Alternative. Gerade wenn man verschiedene Depots hat, erhöht er die „Kaufkraft“ auch ohne Guthaben vorzuhalten. Das sehe ich genauso!

      Viele Grüße Ben

    1. Hallo Ynvestor,

      bei Degiro weiß ich es nicht, da ich dort kein Depot habe. Aber bei Comdirect, Consors, Augsburger Aktienbank und Interactive Brokers ist es problemlos möglich. Du kannst einfach vom Verrechnungskonto ohne vorhandenes Guthaben Überweisungen tätigen und der Wertpapierkredit wird in Anspruch genommen.
      Du solltest aber daran denken, dass die P2P-Kredite bei fast allen Anbietern eine Laufzeit haben und Du deshalb im Krisenfall den Wertpapierkredit nicht so einfach zurückzahlen kannst. Anders ist es bei Bondora Go & Grow(*), wo Du täglich an Dein Geld herankommst. Dafür sind die Zinsen mit 6,75% niedriger als sonst bei P2P-Krediten. Trotzdem würde ich mir das gut überlegen, da Du die Risiken natürlich deutlich steigerst.

      Viele Grüße Ben

Kommentar verfassen