Was Dich hier erwartet:
Vor einiger Zeit erhielt ich von einem Leser eine E-Mail mit einer Frage, die auch in den Kommentaren immer wieder gestellt wird. Heute nehme ich mir die Zeit, sie ausführlich zu beantworten.
Zunächst die vollständige E-Mail:
Hallo Ben,
ich bin seit einiger Zeit ein aktiver Leser Deines Divantis-Blogs und habe Deinen Finanzrocker-Podcast gehört.
Es bringt einen riesen Spaß Deine Ideen zu lesen und nach zu vollziehen. Ich teile in großen Teilen Deine Anlagestrategie, aber ich habe da mal eine eher technische Frage, da Du auf eine extrem große Erfahrung zurückgreifen kannst. Ich handle erst seit 3 Jahren Einzelaktien.
Du hast für jede Aktie eine aktuelle Strategie:
· Bei Kursschwäche nachkaufen oder
· Halten und Dividende kassieren
Meine konkrete Frage wäre:
Wie setzt Du Dir Nachkauf-Kurse?
Hast Du eine Empfehlung für ein sinnvolles Tool, um Nachkauf-Kurse zu ermitteln?
Oder machst Du das eher nach Bauchgefühl? Wie ist dort Deine Handhabe?
Dies ist aktuell meine größte Herausforderung in meinem Depot.
Sebastian per E-Mail
Mögliche generelle Strategie
Es gibt Investoren, die verfolgen eine klare Strategie beim Kauf von Aktien. Sie dritteln beispielsweise ihr Investitionsvolumen für eine Aktie und kaufen zunächst mit dem ersten Drittel die Startposition. Dann kaufen sie erneut mit dem zweiten Drittel, wenn der Aktienkurs um 10% gesunken ist. Und das letzte Drittel wird investiert, wenn der Aktienkurs um 20% gesunken ist.
Das lässt sich natürlich beliebig abwandeln, die Nachkaufgrenzen erhöhen (z.B. auf 20% und 30%) oder auch statt zu dritteln zu vierteln. Möglich ist auch, mit steigenden Kursen zu arbeiten. Also bei einem Kursplus von 10% nachzukaufen.
All das ist sinnvoll, wenn man keine feste Erwartung an die Aktie hat und nach klaren Prinzipien investieren will. Mein Weg ist das nicht, ich bin individueller unterwegs. Wenn ich eine Aktie kaufe, dann will ich erst mal nicht, dass der Aktienkurs sinkt. Denn dann hätte ich lieber mit dem gesamten Kauf gewartet.
Bei festen, vorher definierten Grenzen nachzukaufen, ist für mich auch deshalb kein Weg, da ich jeweils individuell entscheiden will, ob das nicht aktuell das berühmte „fallende Messer“ ist, in das ich dann nicht greifen will.
Meine individuelle Betrachtungsweise
Ich setze mir beim Erstkauf keine Grenzen, zu denen ich nachkaufen möchte. Allein schon deshalb, weil für mich der Zeitfaktor auch eine Rolle spielt. Für mich ist es ein Unterschied, ob eine Aktie nach einer Woche oder nach einem Jahr 10% im Minus ist. Ist gerade eine Woche vergangen, dann bin ich vorsichtiger. Nach einem Jahr kenne ich die Aktie besser und kann genau auf den Kursverlauf zurückblicken. War die Aktie zwischenzeitlich im Plus und gibt es einen aktuellen Grund für den Kursrückgang? Und wie hat sich der Gesamtmarkt entwickelt? Diese Faktoren betrachte ich in meiner Entscheidung.
Ich setze mir trotzdem hin und wieder Kursmarken, bei denen ich nachkaufen möchte. Das ist dann der Fall, wenn eine Aktie tatsächlich wie ein Messer fällt. Dann schaue ich mir die Fundamentaldaten an und werfe einen Blick auf die Dividende und den Gewinn pro Aktie. Und aus beiden Faktoren berechne ich dann meinen „fairen Wert„. Fair ist für mich dann ein historisch niedriges Kursgewinnverhältnis und eine historisch hohe Dividendenrendite.
Und dann kommt es darauf an, ob die Aktie dringend haben will. Ist das der Fall, z.B. weil ich noch wenig Stücke von ihr im Depot habe, dann kaufe ich zu diesem fairen Wert nach. Habe ich aber keinen inneren Druck, die Aktie zu kaufen, dann mache ich einen Abschlag von meinem fairen Wert. Der Abschlag kann dann so groß sein, dass ich erst mal nicht an ein Erreichen glaube. Da arbeite ich gerne mit der Dividendenrendite und setze mir gerade Prozentzahlen. Wenn ein großer Standardwert wie Johnson & Johnson beispielsweise in einer irrationalen Übertreibung eine Dividendenrendite von 5% schaffen würde. Das wäre dann für mich ein Nachkaufkurs. In diesem konkreten Beispiel also aktuell bei 81 US$ – völlig entfernt vom derzeitigen Kursniveau.
Das Nachkaufvolumen
Anders als in der vorgestellten generellen Strategie habe ich keine festen Kaufbeträge und halte dann einen Teil des Kapitals für Nachkäufe zurück. Was ich aber mache: ich setze mir für jede meiner Aktien ein Maximallimit. Es berechnet sich prozentual von meinem Gesamtvermögen und ist deshalb mitwachsend. Und wenn es zu einem Nachkaufevent kommt, dann schaue ich, wieviel freies Limit ich noch habe und wie viel ich nun investieren will.
Ich habe dabei die folgenden Grenzen definiert:
| Bezeichnung | Limit | vergeben an: |
| Super-Limit | 4,5% | Munich Re, Allianz, Johnson & Johnson |
| maximales Limit | 4% | BlackRock, Microsoft, Procter & Gamble, Talanx |
| Zwischen-Limit | 3% | 3M, PepsiCo, Kimberly-Clark, MSCI Inc. |
| mittleres Limit | 2% | VINCI, AT&T, IBM, Verizon, Coca-Cola, Terna, Unilever |
| unteres Zwischen-Limit | 1,5% | Kellogg, General Mills, McDonald’s, Clorox, Medtronic, Red Eléctrica |
| unteres Limit | 1% | Übrige 26 Werte des Depots |
| Bestandslimit | 0,25% | Welltower, Paul Hartmann, Sydney Airport, Taylor Wimpey, Atlantia |
Die Limitstufen haben sich im Laufe der Zeit mit wachsendem Vermögen entwickelt. Die Eingruppierung erfolgt unabhängig vom aktuellen Kurs, sondern anhand der Faktoren Marktkapitalisierung, Marktstellung und Robustheit. Sind die Limite überzogen, dann überprüfe ich, ob die Vergabe eines höheren Limits gerechtfertigt ist. Oder warte auf eine gute Gelegenheit, die Aktie vollständig oder teilweise zu verkaufen.
Zusammenfassung
Insgesamt bin ich einerseits mit meinem Limitsystem strukturiert unterwegs. Andererseits bin ich bei den Nachkursen sehr individuell und mehr aus dem Bauch heraus unterwegs. Aber auch die Bauchentscheidung geschieht nicht ohne Fundamentaldaten. Klare Regeln für die Kursermittlung habe ich aber nicht.
Und nun die Frage an Dich: Wie würdest Du die Leserfrage beantworten? Wie ermittelst Du Deine Nachkaufkurse? Oder handelst Du auch eher aus dem Bauch heraus? Schreib es in die Kommentare und lass uns darüber diskutieren!

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