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Vor einiger Zeit hatte ich auf dem Divantis-Blog erklärt, warum ich auf extrem langlaufende Anleihen setze. 100 Jahre Laufzeit – für viele Anleger klingt das verrückt, für mich war es damals eine sehr bewusste Entscheidung. Mein Gedanke: Die Zinsen lagen auf einem hohen Niveau, die Inflation zeigte erste Bremsspuren und die Notenbanken hatten bereits signalisiert, dass die Phase der aggressiven Zinserhöhungen bald enden könnte. In so einem Umfeld können langlaufende Anleihen enorm profitieren – und genau das war zunächst auch der Fall.
Vor ziemlich genau 2 Jahren hatte ich hier meine Gedanken vorgestellt und in diesem Zuge in 2 Anleihen aus Österreich und 4 Anleihen aus Nordrhein-Westfalen mit Endfälligkeiten in den Jahren 2117 bis 2122 investiert. Diese Anleihen hatte ich in dem Beitrag auch detailliert vorgestellt.
Die Kurse dieser Anleihen zogen nach meinen Käufen auch spürbar an und ich saß auf zweistelligen Buchgewinnen. Doch ich habe diese Gewinne nicht realisiert – und das erwies sich rückblickend als Fehler. Denn mit den zusätzlichen staatlichen Konjunkturprogrammen und der faktischen Aushebelung der Schuldenbremse stiegen die langfristigen Zinsen wieder deutlich an. Genau das, wovor langlaufende Anleihen besonders empfindlich sind. Die Folge: Meine Position rutschte ins Minus.

Was sind 100-jährige Anleihen überhaupt?
100-jährige Anleihen – auch Century Bonds genannt – sind Schuldverschreibungen mit einer extrem langen Laufzeit von 100 Jahren. Sie sind vor allem bei Staaten beliebt, die sich eine langfristig günstige Finanzierung sichern wollen. Für Anleger bieten sie hohe Kurschancen, wenn die Zinsen sinken, sind aber auch besonders risikoreich, wenn die Renditen steigen. Schon kleine Zinsänderungen können riesige Kursschwankungen auslösen.
Warum sind 100-jährige Anleihen so riskant?
Die besondere Gefahr bei diesen Anleihen liegt in ihrer extremen Zinssensitivität. Während eine normale zehnjährige Anleihe bei einem Renditeanstieg von 0,5% vielleicht ein paar Prozent Kursverlust erfährt, können 100-jährige Anleihen zweistellig ins Minus rutschen. Das liegt an der sogenannten Duration, also der durchschnittlichen Kapitalbindungsdauer. Je länger die Laufzeit, desto stärker reagieren die Kurse auf Zinsänderungen – und bei einem Jahrhundert-Bond ist diese Hebelwirkung gewaltig. Schon kleine Zinsbewegungen lösen deshalb riesige Kursschwankungen aus.
Warum der Verkauf trotzdem Sinn ergibt
Statt die Papiere einfach weiter zu halten und auf eine Trendwende zu hoffen, habe ich mich jetzt zum Verkauf entschlossen. Nicht, weil ich die Verluste vollständig vermeiden konnte – das war längst nicht mehr möglich -, sondern um sie zu begrenzen. Der entscheidende Punkt: Durch den Verkauf kann ich die Verluste steuerlich gegen Dividendeneinkünfte verrechnen. Netto reduziert das den Schaden deutlich.
Viele Anleger vergessen, dass die steuerliche Verlustverrechnung ein wichtiges Instrument im Portfolio-Management ist. Verluste sind ärgerlich – aber wenn man sie geschickt nutzt, lassen sie sich abmildern.
Bei mir führte das im Ergebnis bei den einzelnen Anleihen zu Verlusten zwischen 5,8% und 19,7%. In der Addition investierte ich 8.832,00 €, erhielt darauf 374,59 € Zinsen und erlöste durch die Verkäufe inkl. Steuergutschriften 7.382,61 €. Der Verlust betrug somit insgesamt 1.074,80 €. Und das bei Käufen zwischen dem 17.08.2023 und dem 19.12.2023.
Das veränderte Zinsumfeld
Die Inflation ist zwar zurückgegangen, bleibt aber hartnäckiger, als viele Experten erwartet hatten. Gleichzeitig sind die Notenbanken vorsichtiger geworden: Von einer schnellen Rückkehr zu ultraniedrigen Zinsen ist keine Rede mehr. Vielmehr spricht vieles für ein „höher für länger“-Szenario.
Für 100-jährige Anleihen ist das Gift. Ihre extreme Zinssensitivität sorgt dafür, dass schon kleine Renditebewegungen massive Kursschwankungen auslösen können. In einer Welt, in der Staaten höhere Defizite fahren und die Verschuldung steigt, sind steigende Zinsen nicht ausgeschlossen – und das macht ultralange Laufzeiten besonders riskant.
Die Entwicklung, die wir in den letzten Tagen in Frankreich erleben, ist aus meiner Sicht eher als Vorbote auch für andere Staaten zu sehen. Politische Instabilität sorgt für eine Flucht aus den Staatsanleihen bzw. deutlich steigende Zinsen am langen Ende.
Lohnt sich der Kauf von ultralanglaufenden Anleihen heute noch?
Meine Antwort lautet: Im aktuellen Umfeld eher nicht. Die Hoffnung, dass Zinsen wieder auf die ultraniedrigen Niveaus der vergangenen Jahre zurückfallen, halte ich für überzogen. Selbst wenn die Inflation weiter nachlässt, spricht vieles dafür, dass das Zinsniveau strukturell höher bleibt. Genau das begrenzt das Potenzial von 100-jährigen Anleihen – während das Risiko enorm bleibt.
Welche Alternativen sehe ich jetzt?
Das heißt nicht, dass ich Anleihen komplett abschreibe – im Gegenteil. Aber anstelle extrem langer Laufzeiten halte ich derzeit kürzere und mittlere Fälligkeiten für attraktiver. Dort ist das Chance-Risiko-Verhältnis ausgewogener.
Immer noch spannend finde ich die iBonds-Produkte, die einen Korb von Anleihen mit festem Endfälligkeitsdatum verpacken. Das gilt genauso für die entsprechenden Xtrackers-Produkte. Die Funktionsweise habe ich in diesem Beitrag vorgestellt.
Gerade bei Laufzeiten zwischen fünf und zehn Jahren kann man von stabileren Renditen profitieren, ohne das enorme Risiko von Century Bonds einzugehen. Und: Vielleicht ergeben sich in den nächsten Monaten wieder neue Einstiegspunkte, falls sich die Zinsen doch stärker bewegen sollten.
Meine persönliche Lehre daraus
Dieses Investment hat mir einmal mehr gezeigt: Timing ist schwer, und Märkte sind launischer, als man glaubt. Es reicht nicht, die richtige Idee zu haben – man muss auch den Mut haben, Gewinne rechtzeitig zu realisieren. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass es immer Möglichkeiten gibt, Verluste intelligent zu begrenzen. Steuerliche Überlegungen sind dabei kein Nebenschauplatz, sondern können den Unterschied machen.
Glücklicherweise halten sich die realisierten Verluste – bezogen auf mein Gesamtdepot – in Grenzen. Ärgerlich sind sie trotzdem. Gleichwohl bin ich konsequent ausgestiegen statt unentwegt auf eine Erholung zu hoffen. So kann ich mich nun neuen Themen zuwenden.
Am Ende war es kein perfekter Trade, aber eine wertvolle Erfahrung – und genau deshalb teile ich sie hier mit dir.


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