Teil meines mit Abstand höchstgewichteten Depotwertes ist die ERGO-Versicherung. Sie hat in den letzten Jahren ihre Erträge deutlich gesteigert und trägt inzwischen einen spürbaren Anteil zum Konzernergebnis der Munich Re bei. Darüber freue ich mich natürlich sehr.
Auf der anderen Seite bin ich selbst kein Kunde von Lebens- oder Rentenversicherungen, die ein wichtiges Standbein der ERGO – wie auch anderen großen Versicherern – darstellen. Ich habe immer einen großen Bogen um diese Produkte gemacht und lieber direkt in Aktien investiert.
In meinem persönlichen Umfeld existieren solche Kundenverhältnisse jedoch. Und da liegt die Frage an mich nahe, wie ich denn mit einer bestehenden Rentenversicherung umgehen würde. Sie läuft noch 20 Jahre und damit würde sich noch genügend Zeit bieten, in eine Alternativanlage zu wechseln.
Ich stelle das echte Beispiel anhand der Orginal-Renteninformation vor, die in diesen Tagen versandt wurde. Und möchte mit der Divantis-Community diskutieren, welche Empfehlung Ihr an meiner Stelle geben würdet.
Zunächst zur Ausgangslage: Die Versicherungsnehmerin hat die Versicherung zum 01.09.2005 abgeschlossen. Als Rentenbeginn ist der 01.09.2046 festgelegt (Alter dann: 65 Jahre). Der Vertrag hat also eine Ansparphase von 41 Jahren. Die Versicherung ist aber inzwischen beitragsfrei gestellt. Stattdessen werden die Beiträge per ETF-Sparplan in den MSCI All Country World investiert.
Umso schöner lässt sich nun ermitteln, welche Optionen bestehen. Der Vertrag könnte jetzt gekündigt werden. Dann würden 12.003,48 € ausgezahlt. Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass die Auszahlung ohne Abzug von Kapitalertragsteuer erfolgt (ein enthaltener Gewinn könnte mit dem Freistellungsauftrag verrechnet werden).
Oder der Vertrag bleibt einfach unangetastet liegen. Dann würden am 01.09.2046 nach heutigem Stand 22.624,14 € ausgezahlt. Die Hälfte des Gewinns wäre steuerfrei. Alternativ könnte eine Rente in Höhe von 85,21 € genommen werden, bei der nur ein geringer Ertragsanteil besteuert würde.

Diese Rentenversicherung hat noch einen Garantiezins von 2,25%. Die Differenz zwischen der heutigen Auszahlung bei einer Kündigung und der erwarteten Kapitalabfindung entspricht „sogar“ einer jährlichen Rendite von 3,14%.
Und das ist genau der Punkt, der es aus meiner Sicht nicht so einfach mit einer Entscheidung macht. Die hohen Abschlusskosten eines solchen Produkts liegen ja schon in der Vergangenheit. Und mit der Beitragsfreistellung hat die Versicherungsnehmerin wenigstens schon dafür gesorgt, dass dem „schlechten“ Geld kein „gutes“ Geld mehr hinterhergeworfen wird.
Die prognostizierte Rente von 85,21 € ist zudem nicht entscheidend. Die Altersrente und eine betriebliche Zusatzrente werden sich auf rund 1.400 € addieren. Das ist so oder so nicht ausreichend, um davon leben zu können.
Das Vermögen in ETFs beträgt aktuell rund 25.000 €, monatlich werden 150 € angespart. Bei einer jährlichen Rendite von 8,0% ergibt sich in 20 Jahren ein Depotwert von etwa 200.000 €.
Ist es in dieser Konstellation nun besser, die sicheren 3,14% zu nehmen und dann in 20 Jahren bei einem Vermögen von 220.000 € eben 10% in dieser Rentenversicherung zu haben?
Oder aber lieber jetzt die 12.000 € auszahlen lassen und sie selbst mit 8,0% p.a. für 20 Jahre anlegen? Dann würden sich 56.000 € vor Steuern ergeben. Wenn es dann immer noch eine Kapitalertragsteuer von 25% gäbe und der Soli immer noch nicht abgeschafft wäre, würden vom Gewinn von 44.000 € zwar 11.600 € Steuern fällig. Aber der Endwert von 44.400 € wäre rund doppelt so hoch wie die sichere Variante.
Aber natürlich funktioniert diese Rechnung nur mit einigen Einschränkungen: die 8,0% p.a. Rendite sind keineswegs garantiert und in den nächsten 20 Jahren wird es sicherlich zu einigen Schwankungen kommen. Die Gefahr ist dann – zumindest potentiell – immer, dass die Anlegerin schwach wird und das Geld aus dem Depot abzieht. Genauso könnten größere Anschaffungen Reize ausüben, an diesen Teil der Ersparnisse heranzugehen. Also das nächste Auto z.B. größer ausfallen als sonst. Denn ein ETF ist mit einem Klick verkauft, die Kündigung einer Versicherung ist da schon aufwändiger.
Auch wenn es für mich als Munich Re-Aktionär nachteilig ist, tendiere ich trotzdem dazu, die Kündigung zu empfehlen. 20 Jahre sind eine wirklich lange Zeit. Das Geld kann da sehr gut arbeiten. Und ich habe keine Bedenken, dass in dieser Zeit Aktien weiterhin eine vergleichbar hohe Rendite wie in der Vergangenheit abwerfen werden. Ausklammern würde ich hier nur das Totalverlustrisiko. Denn wenn es einen Zusammenbruch des Finanzsystems geben würde, dann wäre auch die Versicherung bei der ERGO davon betroffen. Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem das andere wäre.
Am Ende bleibt es natürlich die Entscheidung der Versicherungsnehmerin. Aber gerade weil sie eine Rentenlücke hat, die sie durch ihr angespartes Vermögen im Alter schließen muss, sollte dieses Vermögen optimiert werden. Und dazu gehört auch eine volatilere, aber renditestärkere Anlage in Aktien-ETFs.
Wie siehst Du das? Würdest Du auch in diese Richtung Dein Umfeld „beraten“? Oder hältst Du diese Rentenversicherung aufgrund der Renditeerwartung und der Steuervorteile für gar nicht so schlecht?


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