Was Dich hier erwartet:
Über das Kaufen von Aktien wird viel geschrieben. Da gibt es eine Unmenge von Kaufsignalen und Anlässen, endlich zuzugreifen. Und der einfachste Weg ist die Anlage eines Sparplans mit regelmäßiger Kaufausführung.
Viel komplexer – und deshalb kaum ein Thema – ist aber die Frage, wann denn eigentlich der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um eine Aktie zu verkaufen. Das zeigt sich allein schon daran, dass keine Bank einen automatisierten Entsparplan anbietet. Wahrscheinlich schon deshalb, weil die Nachfrage sehr gering wäre.
Auch meine eigenen Verkäufe erfolgen meist spontan. So kommt es mir jedenfalls vor. Bei genauerer Betrachtung gibt es aber Gründe dafür, die regelmäßig wiederkehren. In diesem Beitrag versuche ich, sie zu systematisieren und die „Bauchentscheidung“ greifbarer zu machen.
Generell gesprochen entscheide ich mich als Investor eines Unternehmens dann zum Verkauf, wenn ich die Überzeugung habe, dass die besten Tage bereits hinter uns liegen. Und es ist natürlich nicht immer einfach, einen Fehler einzusehen. Schließlich kann eine Veränderung der Einschätzung auch schon ziemlich bald nach einem Investment auftreten. Wer dann die Courage hat, auch mal den Verkaufen-Knopf zu drücken, der hat gute Voraussetzungen, ein erfolgreicher Investor zu werden.
Und natürlich ist das keine Abkehr von Buy-and-Hold. Auch der bekannteste Investor Warren Buffett trennt sich regelmäßig von Unternehmen. Übrig bleiben dann einige wenige, in die er schon seit Jahrzehnten investiert ist. Und das sieht dann so aus, als wäre er nur deshalb so erfolgreich, weil er so lange investiert. Tatsächlich ist es aus meiner Sicht aber wichtig, sich auch regelmäßig von Unternehmen im Portfolio zu trennen, wenn die Überzeugung nicht mehr für sie da ist. Umso leichter fällt es dann, die anderen Unternehmen „ewig“ zu halten.
Abgrenzung zum Trading
Als Trader hat man kein Interesse an der langfristigen Entwicklung eines Unternehmens, sondern setzt mehr auf die kurzfristige Performance der Aktie. Dazu gehören feste Regeln, z.B. Aktien nie über Quartalsergebnisse zu halten oder schon bei x% Minus aus der Position rauszugehen, um Verluste zu begrenzen. Das ist für mich durchaus nachvollziehbar, aber nicht mein Investmentansatz. Solche Regeln sind deshalb nicht Bestandteil meiner Überlegungen.
Die ersten Verluste sind die geringsten
Eine vom Trading abgeleitete Regel, die auch für Langfristinvestoren eine Relevanz hat, ist das Setzen einer Stop-Loss-Marke. Nicht zu eng, aber es gibt durchaus eine nachvollziehbare Begründung dafür, bei 20% Verlust die Position zu verkaufen. Denn da kommt die Regel „Greife nie in ein fallendes Messer“ im Umkehrschluss zum Einsatz: ist die Aktie bereits 20% gefallen, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie auch noch weiter fällt.
Eine solche Regel habe ich für mich nicht gesetzt. Im Gegenteil habe ich so eine Marke schon oft zum Nachkauf genutzt. Aber das ist nicht immer gut gegangen. Und bei all den Aktien, die ich dann irgendwann bei 40, 50 oder 60% Verlust standen, habe ich mich natürlich geärgert, dass ich nicht bei -20% die Reißleine gezogen habe.
Versuch einer Annäherung
Wie lassen sich nun konkrete Verkaufskriterien finden? Und woran lässt sich das verbindlich festmachen?
Ich stelle mir in Situationen, die zu einer Verkaufsüberlegung führen, eine Auswahl der folgenden Fragen:
Hat sich meine Überzeugung vom Unternehmen verändert?
Wenn ich in ein Unternehmen investiere, dann bin ich überzeugt vom Geschäftsmodell. Ich treffe für mich Annahmen und zeichne mir im Kopf ein Szenario. In der Regel besteht es aus Wachstum. Ich halte das Unternehmen für fähig, seinen Marktanteil auszubauen und damit langfristig positive Erträge zu erzielen.
Aber so ein Szenario kann sich auch verändern und dann muss ich darauf reagieren. Wenn auf einmal Marktanteile sinken oder der Umsatz schrumpft, dann ist das ein Alarmzeichen. Ich muss dann hinterfragen, ob meine ursprünglichen Annahmen noch zutreffend sind. Und wenn meine Überzeugung nicht mehr da ist, dann gibt es für mich auch keinen Grund, in das Unternehmen investiert zu bleiben. Wichtig ist dabei aber immer, auch vorübergehende Schwächen von langfristigen Trendwenden zu unterscheiden. Und das ist dann auch meine größte Fehlerquelle: Wenn ich schwache Quartalsergebnisse als „Ausrutscher“ einstufe und nicht merke, dass sich das Umfeld nicht nur eingetrübt, sondern komplett verändert hat.
Ist die Aktie inzwischen überbewertet?
Ein legitimes Verkaufssignal kann auch sein, dass die Aktie nach meinem Einstieg so schnell gestiegen ist, dass sie inzwischen überbewertet ist. Und zwar nicht nur leicht, sondern massiv. In einem solchen Fall kann es dann sinnvoll sein, sich vom Unternehmen zu verabschieden. Einfach weil es deutlich attraktivere Aktien gibt und die Überbewertung vermutlich in der Zukunft durch einen sinkenden Aktienkurs abgebaut werden wird.
Die Schwierigkeit ist aber auch hier, das richtige Maß zu finden. Denn woran macht sich die Überbewertung fest? Sind es die aktuellen Gewinne oder erwartet nur der Markt ein deutlich stärkeres Gewinnwachstum als ich selbst? Und worauf begründen sich die unterschiedlichen Annahmen?
Sollte ich jetzt auch mal Gewinne mitnehmen?
Unabhängig davon, ob eine Aktie inzwischen überbewertet ist, stellt sich die Frage nach einer Gewinnmitnahme. Nicht im Sinne eines Totalausstiegs, sondern zur Reduktion des eigenen Risikos. Das kann – entsprechenden Kursanstieg vorausgesetzt – dann sogar dazu führen, dass das gesamte ursprünglich eingesetzte Kapital wieder vom Tisch genommen und nur noch der Gewinn stehen gelassen wird. Im Rückblick habe ich das meist dann gemacht, wenn ich nicht mehr komplett überzeugt war. Aber gleichzeitig auch nicht so sicher, ob meine Annahmen zutreffen. Dann habe ich verkauft, aber z.B. 20% der ursprünglichen Aktien behalten. Und der Verkaufserlös nach Steuern war dann so hoch wie mein ursprünglicher Kaufpreis für 100% der Aktien. Man muss aber mit dieser Strategie aufpassen, sich nicht zu verzetteln. Denn die Anzahl der Depotpositionen kann dann schon ziemlich groß werden. Und die einzelnen Positionen unter Umständen ziemlich klein. Und sie zu beobachten ist ja genauso aufwändig, egal wie viele Aktien von einem Unternehmen im Depot sind. Aber manchmal hilft die Strategie gut, entspannt auf ein Unternehmen zu blicken und „ohne Einsatz“ investiert zu bleiben.
Ist es das fallende Messer?
Auch wenn ich nicht mit Stop Loss-Limiten arbeite, kann es sinnvoll sein, eine Verkaufsorder aufzugeben, wenn die Aktie sich in einem lupenreinen Abwärtstrend befindet. Denn wenn klar ist, dass die Aktienkurs weiter sinkt, dann ist es ja eine gute Gelegenheit, die Aktie ein gutes Stück tiefer erneut zu kaufen. Aber auch hier gilt, nicht zum Trader zu werden! Denn den Tiefstpunkt erreicht man sowieso nicht geplant.
Aber genauso kann es auch eine Kombination von Verkaufsgründen sein: ist die Aktie z.B. über lange Jahre ordentlich gestiegen und nun überbewertet und fällt nun wie ein Messer. Dann können auch Gewinne gesichert werden. Es spricht nichts dagegen!
Nehmen wir das Beispiel eines Tenbaggers: ursprünglich gekauft zu 10 € ist die Aktie auf 100 € gestiegen. Dann fällt sie wie ein Stein auf 90, auf 80, auf 70, auf 60. Warum dann nicht beim Kurs von 50 € einfach mal die Hälfte der Position verkaufen? Dann sind die Gewinne gesichert und die Depotposition hat faktisch nichts gekostet. Und selbst wenn die Aktie weiter auf 10 € zurückfällt, ist das zwar ärgerlich, aber kein Beinbruch.
Verlassen die wichtigsten Manager das Unternehmen?
Managementwechsel sind ein „softes“ Thema, das sich in keinen Kennzahlen und mit keiner Chartanalyse analysieren lässt. Aber sie haben oftmals einen großen Einfluss auf die weitere Unternehmensentwicklung. Die wichtigsten Positionen sind dabei der CEO und der CFO. Wenn sie beide lange bei einem erfolgreichen Unternehmen waren und dann innerhalb kürzester Zeit ausscheiden, dann ist erhöhte Wachsamkeit angesagt. Und dann gilt es einen Blick auf die Nachfolger zu werfen: Wo kommen sie her, was haben sie in ihrer Karriere vorzuweisen? Und wie agieren sie? Ich mache mir da tatsächlich auch ein persönliches Bild. Entweder gibt es vom neuen Unternehmen bereits den Mitschnitt eines Conference Calls, den ich mir anhören kann. Oder eine Unternehmenspräsentation auf einem Investors Day. Oder aber ich suche auf YouTube nach alten Interviews o.ä. dieser Personen. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich diesen Menschen mein Geld nicht anvertrauen möchte, ist das ein Verkaufsgrund.
Ich bin ja nirgends Großaktionär und kann im Hintergrund Einfluss auf die Besetzung wichtiger Positionen nehmen. Das unterscheidet mich dann stark von Warren Buffett. Mir bleibt nur, meine eigenen Konsequenzen zu ziehen. Denn wenn ich mich mit den neuen Managern nicht mehr wohl fühle, dann hat sich eine Grundannahme zu meinem Investment verändert. Und dann ist es Zeit zu verkaufen.
Verschlechtern sich die finanziellen Kennzahlen?
Ein Verkaufsanlass kann auch in den Kennzahlen des Unternehmens liegen. Und zwar des Unternehmens und nicht der Aktie. Dieser Punkt ist also unabhängig vom Aktienkurs und den entsprechenden Relationen. Es geht vielmehr um höhere Kosten für das Geschäftsmodell. Seien es Rohstoffe, Personal oder Zinsen – sie können sich deutlich erhöhen und dann für erheblich schlechtere Margen sorgen. Und schlechtere Margen senken den Gewinn bzw. den Free Cash Flow oder bremsen ein entsprechendes Wachstum. Wenn ich so etwas erkenne und als nicht vorübergehend einschätze, dann verändert sich womöglich mein Investmentcase. Dann habe ich es sukzessive nicht mehr mit einem margenstarken, wachsenden Unternehmen zu tun, sondern mit einem Unternehmen im Rückwärtsgang. Ich habe dafür keine Allgemeinformel, aber schaue mir die Kennzahlen regelmäßig an. Vor allem im Vergleich zu den Vorjahren, um Veränderungen zu erkennen.
Findet eine risikoerhöhende Übernahme statt?
Wenn das Unternehmen, an dem ich beteiligt bin, ein anderes Unternehmen kauft oder dafür ein Übernahmeangebot abgibt, wird „mein“ Management immer euphorisch darüber kommunizieren. Denn wenn es nicht selbst davon überzeugt wäre, würde es ja die Übernahme lassen. Diese Darstellung nehme ich zur Kenntnis, mache mir aber ein eigenes Bild.
Gerade bei großen Übernahmen ist es mir dann wichtig, möglichst viel über das andere Unternehmen zu lernen. Wenn ich das zu übernehmende Unternehmen noch nicht kenne, starte ich dann ungefähr so, als würde ich in eine neue Aktie investieren wollen. Mein Fokus liegt dann aber auch stark auf der Unternehmenskultur und der Frage, ob die beiden Unternehmen auch tatsächlich zusammenpassen. Denn nichts ist schlimmer als wenn 1 und 1 nicht 2, sondern nur 1,5 ergeben. Dann ist das für mich ein Verkaufsgrund.
Dazu mache ich mir immer klar, dass die Mehrheit aller Übernahmen nicht erfolgreich ist. Profiteure sind immer die Berater, die provisionsgetrieben nur verdienen, wenn es zu Übernahmen kommt. Und die Manager sind ja oftmals auch nicht mehr im Amt, wenn die Folgen einer gescheiterten Übernahme dann erst in einigen Jahren klar werden. Aber ich als Aktionär habe es auszubaden, wenn ich nicht vorher verkaufe. Deshalb habe ich keine Euphorie beim Lesen von Übernahmeankündigungen, sondern bin eher besorgt.
Anders ist das dann, wenn ich in ein großes Unternehmen investiert bin und es einen kleinen aufstrebenden Wettbewerber übernimmt. Dann ist der Kaufpreis zwar oftmals für sich betrachtet vergleichsweise hoch. Aber für die Zukunft des Unternehmens ist auch ein Scheitern gut verkraftbar. Und die Chancen auf einen Wachstumsimpuls sind durch solche kleineren Übernahmen durchaus gegeben.
Gibt es bessere Chancen bei anderen Unternehmen?
Ein weiterer Verkaufsgrund kann schließlich die Einschätzung sein, dass das Kapital womöglich bei einem anderen Unternehmen besser investiert ist.
Das ist der schwierigste Punkt hinsichtlich seiner Greifbarkeit. Denn dazu ist ja erst mal bei der Aktie selbst nichts festzustellen. Erst im Vergleich mit anderen Aktien und deren Bewertung bzw. Aussichten kommt er zum Tragen. Deshalb will ich ihn hier auch nicht zu weit ausführen. Aber zur Vollständigkeit gehört er natürlich. Bessere Chancen kann es bei Unternehmen der gleichen Branche geben, dann ist eine Vergleichbarkeit sogar leichter gegeben. Aber natürlich kann es auch sein, dass sich einfach Trends verschieben und deshalb in anderen Sektoren bessere Chancen bestehen. Nehmen wir rückblickend das Beispiel der Corona-Pandemie: Da war es lange Zeit nicht absehbar, wann sie enden würde. Und ein Investor in einen Reiseveranstalter hätte sicherlich gute Gründe gehabt, sein Investment zugunsten eines Impfstoffproduzenten zu überdenken.
Bei einer Dividendenkürzung werde ich kurzatmig
Das letzte Verkaufskriterium, das für mich relevant ist, ist eine Dividendenkürzung. Lange Zeit hatte ich das als „hartes“ Kriterium für mich definiert. Getreu dem Motto: Kürzt das Unternehmen die Dividende, kürze ich mein Engagement. Aber auch da hatte ich eine Lernkurve: es gibt Situationen, in denen einem Unternehmen einfach nichts anderes übrig bleibt. Das habe ich in der Corona-Zeit gelernt. Wo soll z.B. ein Flughafen Erträge erzielen, die er ausschütten kann, wenn der Flugverkehr lahm gelegt ist? Da muss ich dann tatsächlich fragen, was die Ursachen der Dividendenkürzung sind und ob das womöglich nur vorübergehend ist. Und meistens ist die Dividendenkürzung dann auch der letzte Schritt, weil der Aktienkurs bereits vorher schon deutlich gesunken ist. Wenn ich dann noch bewusst investiert bin, dann ändert daran auch eine Dividendenkürzung nichts mehr.
Von diesem relevanten Punkt abgesehen, ist eine überraschende Dividendenkürzung dann für mich aber weiterhin ein Anlass, einen Verkauf zu prüfen. Ist es z.B. eine Maßnahme eines neuen Managements, die hohe Ausschüttungsquote zu senken oder die komplette Abkehr von der bisherigen Dividendenpolitik, dann ist mein Investment-Case in Frage gestellt. Und dann kann das ein Verkaufsgrund sein. Nicht mehr zwingend, aber durchaus als wichtiger Baustein in einer Gesamtbetrachtung.
Fazit
Und das ist auch das Gemeinsame an allen Verkaufsgründen. In der Regel ist kein Grund für sich alleine stark genug, um isoliert für sich den Verkauf zu veranlassen. Es ist eigentlich immer ein Zusammenspiel. Ich habe dann schon länger Zweifel an der Richtigkeit meines Investments. Und dann kommt ein Ereignis hinzu, dass dann das Fass zum Überlaufen bringt. Dann verkaufe ich zwar wegen dieses Ereignisses. Das ist dann aber nur die Erklärung für den Zeitpunkt. Die Gründe selbst sind umfassender.


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