Was Dich hier erwartet:
2024 wird das Super-Wahljahr in der Geschichte schlechthin sein. In mindestens 76 Staaten oder -gebilden werden Wahlen abgehalten. Nicht alle sind frei und demokratisch. Manchmal steht die Entscheidung faktisch schon vorher fest oder die mögliche Veränderung durch den Wahlausgang ist nicht wirklich groß. Mit Indien, der Europäischen Union und den USA finden in drei bedeutenden Wirtschaftsregionen Wahlen statt. Die größte Bedeutung hat dabei für die Märkte sicherlich der Ausgang der US-Präsidentenwahl im November.
Generell gelten Wahljahre meistens als gute Börsenjahre. Das ist auch durch Studien belegt. Für die USA ist das Barometer der S&P 500. Er legte in Jahren der Wahl des US-Präsidenten seit 1950 im Schnitt um fast 13% zu.
Das hört sich erst mal gut an. Aber wie so oft lohnt ein Blick hinter die Kulissen. Denn die Statistik könnte trügerisch sein. Ich habe ein wenig in der Geschichte recherchiert und versuche in diesem Beitrag, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.
Und dabei geht es ausdrücklich nicht darum, den Wahlausgang zu prognostizieren. Und erst recht nicht darum, auf einen bestimmten Ausgang zu setzen. Sondern mehr darum, ob es jetzt sinnvoll, breit in den Markt zu investieren, um von einem positiven Börsenjahr zu profitieren.
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Die Crux mit der Statistik
Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe
Winston Churchill (angeblich!)
Die erstgenannten Statistik hört sich natürlich gut an. Aber warum wird als Startzeitpunkt 1950 genommen?
Schließlich gibt es auch gegenteilige Statistiken, die einen längeren Zeitraum betrachten. Bezogen auf die letzten 120 Jahre waren Wahljahre keine besonders guten Börsenjahre. Es liegt also – wie so oft bei Statistiken – im Auge des Betrachters und der Wahl der entsprechenden Parameter.
Gemein ist den Statistiken aber, dass die Wahrscheinlichkeit für ein positives Börsenjahr bei rund 66% liegt. Das schließt dann auch ein Plus von z.B. nur 2% ein, was eben historisch gesehen ein schwaches Börsenjahr wäre. Und dazu passt dann auch wieder eine andere Statistik, die den Dow Jones nach dem 2. Weltkrieg betrachtet. Danach sind die Wahljahre im Durchschnitt die schwächsten Börsenjahre.
Die Sorgen der Börse
Und das hat wiederum damit zu tun, dass die Wall Street Sorge vor einem Linksruck hat. Entweder weil die Präsidentschaft eines Republikaners endet oder die Demokraten einen vermeintlich linkeren Kandidaten als Nachfolger ihres Präsidenten aufgestellt haben.
Da denke ich z.B. an Al Gore, der beinahe auf Bill Clinton gefolgt wäre. Sein Thema war der Klimawandel und er war führend in allen Umfragen. Er erzielte auch die Mehrheit der Wählerstimmen, unterlag jedoch mit 537 Stimmen George W. Bush Jr. in Florida. Und damit hatte dieser die Mehrheit der Wahlmännerstimmen errungen. Bush war zuvor Gouvernor von Texas und der Ölindustrie eng verbunden. Das war übrigens im Jahr 2000 und der S&P500 verlor seinerzeit 10%. Ob das jetzt nur mit der Wahl zusammenhing, wage ich allerdings zu bezweifeln. Denn auch die Folgejahre waren mit -13% und -23% sehr schwach. Und in diese Zeit fallen das Platzen der Dotcom-Blase und die Terroranschläge von 9/11.
Nachvollziehbar ist für mich, dass politische Maßnahmen des amtierenden US-Präsidenten die Börse beeinflussen können. Schließlich will er die Chancen für seine Wiederwahl erhöhen und nutzt dafür seinen Amtsbonus. Gleichzeitig besteht üblicherweise eine hohe politische Unsicherheit rund um die Wahlen. Denn selbst wenn Umfragen eindeutig sind: abgerechnet wird erst am Wahltag. Und wir haben ja auch schon mehrfach erlebt, dass es teilweise mehrere Wochen dauerte, bis das Endergebnis feststand.
Der Börsen- und der Präsidentschaftszyklus
Der Großteil der historisch positiven Performance erfolgt im zweiten Halbjahr. Die US-Wahlen finden immer im November statt. Und da kommen dann zwei Dinge zusammen: Einerseits die Klarheit über das Wahlergebnis und andererseits ist der November traditionell auch der stärkste Börsenmonat. Er erhält dann nur noch einen Boost.
Nach der Wahl ist dann irgendwie auch schon wieder vor der Wahl. Denn der Präsidentschaftszyklus ist klar umrissen:
2024: Das Wahljahr
2025: Das Nach-Wahljahr (erstes Jahr einer neuen Administration)
2026: Das Zwischenwahljahr (hier finden die Midterm-Wahlen für den US-Kongress statt)
2027: Das Vor-Wahljahr vor der nächsten Präsidentenwahl
2028: Das nächste Wahljahr
Die Jahre nach der Wahl (also 2025 und 2026) entwickeln sich in der Regel eher durchwachsen. Die Gewinnwahrscheinlichkeit liegt dann historisch betrachtet nur noch bei 52% bzw. 59% für Midterm-Jahre.
Abgesehen von diesen Statistiken ist aber klar, dass die Börsenentwicklung von vielen Faktoren abhängt. Und die Vergangenheit gibt auch keine Garantie für die Zukunft.
Die Wahlen im Jahr 2024
Schauen wir uns jetzt aber konkret die nächsten Wahlen an. Zum 60. Mal wird ein US-Präsident gewählt und zwar am 5. November.
Im Januar wird Amtsinhaber Joe Biden seine Wiederwahlkampagne mit den Vorwahlen in Iowa beginnen. In der Demokratischen Partei ist auch weit und breit keine Alternative zu erkennen. Die Vizepräsidentin Kamala Harris konnte in ihrer Amtszeit überraschend nicht an Profil gewinnen. Und in der Regel wird ja auch dem amtierenden Präsidenten von seiner eigenen Partei die Gelegenheit zur Wiederwahl gegeben.
Bei den Republikanern starten ebenfalls im Januar die Vorwahlen in Iowa und New Hampshire. Dort konkurrieren diverse Kandidaten miteinander. Top-Favorit für die Nominierung ist Donald Trump.
Damit käme es erstmals seit 1956 zu einer Wahlwiederholung. Damals gewann Dwight D. Eisenhower zwei Wahlen hintereinander gegen den gleichen Herausforderer. Die jetzige Konstellation, dass der abgewählte US-Präsident gegen seinen Nachfolger antritt, wäre aber etwas Besonderes.
Interessanterweise sind die Amtsperioden von Demokraten durchschnittlich bessere Börsenphasen als die von Republikanern. Und auch vor der Wahl von Donald Trump im Jahr 2016 hatten die Märkte große Sorgen. Das scheint nun zumindest kalkulierbarer. Einfach weil man schon weiß, wie er sich als Präsident verhalten hat.
Spannend könnte es höchstens werden, wenn sich im Laufe des Jahres auf einmal ein Unabhängiger als Kandidat aufstellen lässt. Wenn dann nicht mehr nur der 81-jährige Biden und der 78-jährige Trump zur Wahl stehen, sondern eine Person, die eher für Aufbruch und Veränderung steht.
Es ist unwahrscheinlich, dass eine solche Person dann tatsächlich auch die Wahl gewinnen könnte. Aber – je nach Ausrichtung – kann sie einem der beiden großen Kandidaten entscheidende Stimmen kosten. Und damit den Wahlausgang entscheiden. Ich denke da an 1992 zurück, als Ross Perot 19% der Stimmen holte und damit dem jungen Bill Clinton den Weg zur Präsidentschaft ebnete. Damals endete die Präsidentschaft von George W. Bush (dem Vater) nach nur einer Amtszeit. Die USA befanden sich damals allerdings auch in einer tiefen Rezession. Das Börsenjahr 1992 gehörte mit +4% im S&P 500 zu den positiven Jahren. Aber es war eben auch unterdurchschnittlich. Es folgten dann übrigens mit +7% und -1,5% zwei ebenfalls schwächere Jahre unter Clinton. Bis dann von 1995 bis 1999 fünf Börsenjahre mit jeweils zweistelligen Zuwächsen folgten.
Auch 2024 hat meines Erachtens die Situation der Wirtschaft und vor allem die Zinspolitik der Fed einen großen Einfluss auf die Börsenentwicklung. Und die Fed ist von der Politik unabhängig und nimmt auf die Wahlen keine Rücksicht. Jedenfalls in der Theorie. Denn vor den letzten Wahlen 2019 gab es einigen Druck von Donald Trump, der vehement Zinssenkungen einforderte. Und siehe da: die Fed lieferte und senkte dreimal die Zinsen. Genützt hat das Trump am Ende zwar auch nichts. Aber es wird interessant zu erleben, ob sich Ähnliches nun in diesem Jahr wiederholt. Denn die Erwartungen an Zinssenkungen sind immens und schon kleinere Enttäuschungen könnten die Aktienmärkte auf Talfahrt schicken.
Generell werden in der allgemeinen Betrachtung Präsidentschaften oft mit Bullen- oder Bärenmärkten in Verbindung gebracht. Da heißt es dann, dass in den Siebzigern während Nixon und Ford Präsidenten waren, die Aktienmärkte zurückgingen. Oder George W. Bush das Platzen der Dotcom-Blase zugeschrieben wird. Dabei sollte man aber immer die jeweilige Zeit betrachten. Denn gerade beim letzten Beispiel wird deutlich, dass die Bewertungen an den Aktienmärkten schon vor der Präsidentschaft in völlig übertriebene Dimensionen gestiegen waren. Und die Blase wäre mit Sicherheit bei jedem anderen Präsidenten genauso geplatzt.
Jetzt haben wir zwar keine überbordende Euphorie, aber befinden uns auf einem Zinshoch, kämpfen gegen die Inflation und die Wirtschaft in den USA ist formal in einer Rezession. Der Nachfolger von Joe Biden oder er selbst in seiner zweiten Amtszeit übernehmen diese Situation. Und profitieren womöglich automatisch von den Zinssenkungen, die sicherlich auch in 2025 ein Thema sein werden. Und im Nachhinein ist es dann leicht, dieser Präsidentschaft eine entsprechende Börsenentwicklung zuzuschreiben.
Fazit
Mein Fazit aus all diesen Statistiken und Rückblicken lautet, dass es für die Aktienmärkte weitgehend egal ist, ob ein Demokrat oder ein Republikaner US-Präsident ist. Es kommt viel mehr auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die langfristige Entwicklung des Börsenzyklus an. Sind die Bewertungen niedrig, werden sie wieder steigen. Sind sie zu hoch, werden sie wieder auf ein Normalmaß zurückkommen. Natürlich können Präsidenten Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung setzen. Aber sie wirken langfristig und sicherlich nicht sofort.
Deshalb bleibe ich auch im Super-Wahljahr 2024 entspannt in meinen Aktienengagements und konzentriere mich lieber auf langfristige Trends. Gut aufgestellte Unternehmen mit sauberer Bilanz und starken Cash-Flows sind für mich die beste Versicherung, dass ich unabhängig von Wahlergebnissen ein positives Ergebnis erziele.


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