Was Dich hier erwartet:
In meinen Anlagekriterien habe ich Investments in kritische Branchen ausgeschlossen. Dazu zähle ich explizit Rüstung, Atomkraft, Glücksspiel, Öl, Kohle und Tabak. Seit jeher finden Unternehmen aus diesen Sektoren keinen Platz in meinem Depot und ich vermisse sie auch nicht.
Mir geht es gleichzeitig nicht darum, zu missionieren. Wer in Öl oder Tabak investiert, ist für mich ein genauso geschätzter Investor wie jemand, der sein Heil in erneuerbaren Energien sucht. Und unter den Divantis-Lesern und Kommentatoren finden sich ja auch viele Aktionäre, die „meine“ kritischen Branchen nicht als Ausschlusskriterium für sich sehen.
Nun haben aber die letzten Jahren doch einige Veränderungen mit sich gebracht. Die alte heile Welt (wenn es sie denn jemals so gab) wurde durch eine Bedrohungslage abgelöst. Seit 2022 leben wir mit einem Angriffskrieg in Europa und offiziell wurde eine „Zeitenwende“ ausgerufen.
Mich beschäftigt das Thema seitdem und ich möchte heute meine Gedanken dazu teilen und zur Diskussion stellen. Nicht, weil ich Kursanstiege wie bei Rheinmetall verpasst habe und mich darüber ärgere. Ich habe ja auch Nvidia verpasst – das ist also nicht mein Thema. Aber kann man Rüstung wirklich pauschal als kritisch abtun, oder muss man nicht stärker differenzieren?
Das alte Weltbild wackelt
Ich gebe es zu: ich habe in meiner Jugend den Wehrdienst verweigert und war für die Abschaffung der Bundeswehr. Meine Einstellung hat sich mit den Jahren aber immer stärker verändert und spätestens nach dem russischen Angriff auf die Ukraine bin auch ich überzeugt davon, dass wir uns verteidigen können müssen. Und – sei es zur Abschreckung oder auch für tatsächliche Einsätze – ein starkes militärisches Bündnis mit unseren verlässlichen Partnern brauchen.
Die neue Logik – Sicherheit als soziale Nachhaltigkeit
Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit, keine Demokratie und keine soziale Entwicklung. Unsere Werte können wir nur aufrechterhalten, wenn wir in Sicherheit leben. Sicherheit ist damit das „Fundament“, auf dem Nachhaltigkeit erst gedeihen kann.
Verteidigung dient dem Schutz von Rechtsstaatlichkeit gegen Autokratien.
Daran anknüpfend unterscheiden viele Investoren nun zwischen „geächteten“ Waffen (Streubomben, Landminen, ABC-Waffen), die weiterhin tabu bleiben, und „konventioneller“ Verteidigungstechnik (Panzer, Luftabwehr), die als legitim gelten.
Die bleibenden Zweifel – Waffen bleiben Waffen
Trotz einer solchen Differenzierung bleibt die Natur des Produkts unverändert. Waffen – ob defensiv oder offensiv – sind darauf ausgelegt, menschliches Leben zu beenden und Infrastruktur sowie Umwelt zu zerstören. Dies steht im direkten Widerspruch zu meinem Prinzip, mit meinen Investments keine Unternehmen zu unterstützen, die einen erheblichen Schaden anrichten können.
Und es fühlt sich auch wie eine Fehlallokation von Ressourcen an. Jeder Euro, der in Panzer fließt, fehlt bei der Finanzierung der Klimawende, der Modernisierung unserer Infrastruktur oder im Bildungssystem. Zudem gilt das Militär als umweltfeindlich und steht global für etwa 5% aller CO₂-Emissionen.
Schließlich gilt die Rüstungsbranche historisch als äußerst anfällig für Bestechung und Korruption. Und von Transparenz bei Exporten fehlt auch jede Spur.
Am Ende konzentriert es sich für mich auf eine Frage: Wo hört Verteidigung auf und wo beginnt Profit am Leid?
Die ethische Abwägung
Bisher war die Gleichung für nachhaltige Investoren wie mich simpel: Waffen töten, also sind sie unethisch. Doch diese binäre Sichtweise ist zu hinterfragen.
Der Ausschluss von Rüstungsgütern war bisher für mich die moralisch „saubere“ Position. Doch wenn wir oder andere nicht verteidigungsfähig sind und das bedeutet, dass souveräne Demokratien untergehen und Menschenrechte massiv verletzt werden, stellt sich die Frage: Ist Passivität noch ethisch vertretbar?
Wer Nachhaltigkeit als Schutz von Freiheit und gesellschaftlicher Stabilität begreift (das „S“ in ESG), muss wohl oder übel anerkennen, dass diese Werte ohne physischen Schutz oft nicht überleben können. In diesem Licht wandelt sich die Rüstungsaktie vom „Sündentitel“ zum notwendigen Übel für den Erhalt des Friedens.
Und ich sehe ein, dass es einen moralischen Unterschied gibt zwischen einem Abwehrsystem, das Städte vor Raketenangriffen schützt, und Offensivwaffen, die in den Händen autoritärer Regimes landen.
Eine ethische Neubewertung bedeutet nicht, einen Blankoscheck auszustellen. Als Investor muss ich genauer hinschauen. Und dann auch entscheiden, ob z.B. ein Hersteller von Drohnenabwehrsystemen für mich investierbar ist.
Es gibt bereits Stimmen, die von der Weiterentwicklung von ESG zu ESSG sprechen. Und tatsächlich erleben wir aktuell die Anfänge dieser Entwicklung. ESSG steht dann für Umwelt, Nachhaltigkeit, Sicherheit und Unternehmensführung. Sicherheit wird damit als Säule verantwortungsvollen Wirtschaftens positioniert.
Und tatsächlich ist „Verteidigung“ heute vielschichtig: Cybersicherheit, Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation und der Schutz kritischer Infrastrukturen gehören für mich dazu. Bedrohungen der nationalen Sicherheit sind nicht mehr auf physische Grenzen beschränkt; sie beinhalten auch digitale und gesellschaftliche Schwachstellen, die demokratische Werte und den sozialen Zusammenhalt untergraben können.
Ich habe noch kein endgültiges Ergebnis für mich gefunden. Aber meine Tendenz geht zu einer Öffnung meines Depot hin zu Unternehmen, die eine Vorreiterrolle in der Einbindung von Sicherheit in Nachhaltigkeit einnehmen. Unternehmen, die Demokratien gedeihen lassen und Menschenrechte durch glaubwürdige Verteidigungsfähigkeiten schützen. Schaffen Unternehmen es, ihre Produkte zur Verteidigung unserer Werte im überzeugenden Einklang mit den ESG-Prinzipien zu gestalten, dann werde ich sie mir wohl auch mal genauer anschauen.
Diskussion hilfreich
Vor allem möchte ich meine Gedanken aber hier zur Diskussion stellen: Mich interessiert zunächst, ob ich mit meinem Empfinden, dass ein starres Festhalten an alten Prinzipien der neuen Weltlage nicht mehr gerecht wird, in die falsche Richtung denke. Teilst Du diese Einschätzung und welche Schlussfolgerungen ziehst Du für Anlageverhalten daraus? Und dann wäre es natürlich spannend zu hören, ob es konkrete Vorschläge von Unternehmen gibt, die für überzeugende ESG stehen und dem defensiven Sicherheitsbereich zuzuordnen sind. Spontan würde ich z.B. an OHB denken, die mit ihren Satellitensystemen zu den wichtigsten Akteuren für den europäischen Klimaschutz zählen und nun aber auch die digitale Schlagkraft der Bundeswehr erhöhen sollen – ähnlich wie Starlink.
Ich freue mich auf Deine Perspektive in den Kommentaren.


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