Was Dich hier erwartet:
Plötzlich ist die Angst wieder zurück. Nachdem unzählige geopolitische Meldungen von den Börsen schlicht ignoriert wurden, sieht es auf einmal nach dem genauen Gegenteil aus.
Was gestern noch rosig war, ist heute auf einmal dunkel. Und befeuert wird das Ganze von der um Aufmerksamkeit ringenden Social Media-Bubble. Da finden sich Überschriften wie „Der MSCI World hat 10% verloren – so rettest Du Dein Geld“ oder „Deine Fragen zum Börseneinbruch“.
Ich selbst verspüre keinerlei Panik, sondern versuche die Situation einzuordnen und daraus die richtigen Schlüsse für mein persönliches Anlageverhalten zu ziehen. Welche Gedanken ich dabei sortiere und wie ich agiere, erfährst Du in diesem Beitrag.
Eigentlich keine Überraschung, aber…
Zunächst einmal bin ich inhaltlich überhaupt nicht überrascht. Alles, was weltpolitisch passiert, hatte ich erwartet. Die Maßnahmen von Donald Trump, seien es Zölle oder Drohungen gegen souveräne Staaten, lagen spätestens seit seinem Wahlsieg auf dem Tisch.
Überrascht bin ich allerdings vom Zeitpunkt der Reaktion der Börsen darauf. Offenbar haben viele Investoren die ersten Monate nach dem Wahlsieg einfach ignoriert. Und sind nun aufgewacht und machen sich Sorgen um die Wirtschaft.
Die Schwierigkeit ist deshalb nun, das Geschehen einzuordnen. Ist es eine kurze Korrektur, der dann eine Erholung folgen wird? Oder ist es nur der Beginn einer längeren Abwärtsbewegung? Der Nasdaq befindet sich inzwischen offiziell schon im Bärenmarkt, da er mehr als 20% von seinem Hoch verloren hat.
Um es kurz zu machen: Die Antwort darauf kennt niemand. Es gibt Argumente für alle Ansichten und jeder sucht sich die Gründe heraus, die sein Szenario begründen sollen.
Was spricht weiterhin für Aktien?
Mit Unternehmensbeteiligungen investieren wir in Sachwerte. Sie stellen den besten Schutz gegen Inflation dar. Und die Maßnahmen, seien es Zölle oder staatliche Investitionsprogramme, sind inflationstreibend. Auf der anderen Seite führt Inflation aber auch zu steigenden Zinsen.
Und da eben niemand weiß, ob es sich alles nur um Verhandlungstaktik handelt oder die verkündeten Zölle ernsthaft und dauerhaft erhoben werden, ist nun eine große Unsicherheit vorhanden.
Ich selbst gehe davon aus, dass es sich nur um einen riesigen Testballon handelt. Die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte sind immens und Donald Trump wird zurückrudern.
Handelt Trump irrational?
Aber sicher ist das keineswegs. Erinnern wir uns an Putin und seine Drohungen gegenüber der Ukraine. Die meisten Beobachter waren sich sicher, dass es keinen Angriff geben werde. Und die damalige Warnung der CIA wurde belächelt. Es schien zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellbar, dass sich Putin so in der Weltgemeinschaft isolieren würde. Aber er hat trotzdem so gehandelt. Obwohl es – aus damaliger Sicht – nicht rational erschien.
Nun sind Zölle und der Einmarsch in einen souveränen Nachbarstaat natürlich nicht zu vergleichen. Mir geht es mehr um die Denkweise dahinter. Rational gibt es unzählige Argumente gegen das Trumpsche Handeln. Sei es, dass er die USA und die Weltwirtschaft damit in eine Rezession stürzt oder die Zölle vor allem die amerikanische Mittelschicht und seine eigenen Wähler treffen.
Aber auf diese Rationalität darf man sich nicht verlassen. Möglich ist eben auch, dass er es einfach durchzieht. Weil er beratungsresistent ist und eine eigene Agenda verfolgt.
Die Auswirkungen auf mein Depot
Für mich ist es deshalb wichtig, weiterhin mit einem diversifizierten Portfolio aufgestellt zu sein. Die letzte Handelswoche hat mein Depot natürlich auch sehr gelitten. 7% Minus oder 37.000 € sind schon eine Hausnummer.
Aber es ist eben weniger als der Verlust im S&P500. Und – das ist mir wichtig – von den Zöllen sind nur ganz wenige Unternehmen in meinem Depot direkt betroffen. Natürlich trifft eine Rezession auch sie. Und nachgebende Kapitalmärkte setzen z.B. auch Versicherungsunternehmen unter Druck.
Aber der größere Druck für mein Depot kommt aus dem schwächeren US-Dollar. Die Aktienkurse in US-Dollar einiger größerer Unternehmen in meinem Depot haben sogar leicht zugelegt (General Mills, Coca-Cola, PepsiCo). Denn gegessen und getrunken wird ja weiterhin.
Und das stabilisiert dann und gleicht die großen Kursrückgänge von Titeln wie Lam Research, Texas Instruments, BlackRock oder Siemens zumindest ein bißchen aus.
Hinzu kommt: die Dividenden fließen weiter. Anders als im Corona-Jahr sehe ich auch nicht die Gefahr, dass politischer Druck dafür sorgen könnte, dass bereits angekündigte Dividendenerhöhungen wieder zurückgezogen werden.
Geschichte wird geschrieben und wir sind mittendrin
Apropos Corona: Seit 1952 wird an 5 Tagen pro Woche an der Wall Street gehandelt. Und es gab bisher genau viermal einen Kursrückgang von mehr als 10% im S&P 500 an zwei aufeinanderfolgenden Handelstagen:
- Oktober 1987
- November 2008
- März 2020
- April 2025
Es sind Daten, an die sich das kollektive Börsengedächtnis gut erinnert: Schwarzer Montag, Lehman und Corona. Und nun sind wir mitten drin in Nr. 4.
Es dauerte übrigens unterschiedlich lange, bis das Kursniveau vor dem jeweiligen Crash wieder erreicht war. Den Corona-Crash haben wir noch besonders gut in Erinnerung, da ging es relativ schnell. Nach Lehman dauerte es aber mehr als fünf Jahre.
Der Blick nach Vorne
Wie es nun weitergeht wissen wir nicht. Was aus meiner Sicht aber sicher ist: Irgendwann werden wir die Kurse von März wieder erreichen. Nur der Weg dorthin ist unklar. Womöglich geht es noch tiefer runter – das halte ich sogar für wahrscheinlich. Aber irgendwann wird es dann genug sein und es werden Gegenmaßnahmen einsetzen. Spätestens dann wird der Markt sich beruhigen.
Solche Gegenmaßnahmen können ungeplante Zinssenkungen oder das Fluten mit Liquidität sein. Oder auch massive Aktienkäufe durch die Notenbanken. Denn eins ist klar: die Politik und die Notenbanken werden mit aller Macht zu verhindern versuchen, dass es zu einer Rezession kommt. Und der Aktienmarkt ist der Vorbote einer Rezession.
Manche Beobachter gehen davon aus, dass Trump nach einem halben Jahr die Zölle wieder zurücknehmen wird. Weil er dann einsieht, dass die erwarteten Effekte ausbleiben. Offiziell würde er das natürlich nicht zugeben, sondern das Gegenteil behaupten: die Zölle sind nicht mehr notwendig, weil die Ziele erreicht seien.
Wie es auch kommt, die nächsten Wochen und Monate werden aus meiner Sicht nicht ruhig. Wir werden weiter mit Horrormeldungen leben müssen. Aber wir sollten ruhig bleiben und den langfristigen Blick nicht verlieren. Selbst wenn es zur Rezession kommt und die Unternehmensgewinne weltweit sinken. Die guten Unternehmen werden damit umzugehen wissen. Sie werden sich verschlanken und Arbeitsplätze abbauen. Und unrentable Geschäftszweige aufgeben oder abstoßen. Und damit die Saat für eine profitablere Zukunft legen.
Für mich führt deshalb weiterhin kein Weg an Aktien vorbei. Und es bestätigt sich in diesen Tagen wieder, warum ich nicht breit in ETFs investiere. Ich bin stattdessen an genau ausgewählten Unternehmen beteiligt und kann mir individuell überlegen, welche Auswirkungen die aktuelle Situation auf sie hat. Und unterm Strich bleibe ich tatsächlich entspannt.
Trotzdem will ich nicht verhehlen, dass mich natürlich der ein oder andere Aktienkurs auch nervt. Wenn ich sehe, auf welchem Niveau einzelne Titel nun gehandelt werden und dagegen halte, dass ich bei meinem letzten Nachkauf deutlich mehr bezahlt habe, dann ärgert mich das. Aber auch nur kurz, weil ich es nicht mehr ändern kann. Und in der damaligen Situation des Nachkaufs auch nicht wusste, dass es heute deutlich günstiger sein wird.
Ziehe das Positive aus der Sache
Zum Abschluss noch ein Punkt, der vielleicht ein bißchen hilft: In Situationen wie diesen sammelst Du Erfahrung! Du erfährst hautnah, wie Märkte agieren. Du siehst, wie irrational Kursrückgänge sein können. Und Du lernst viel über Dich selbst. Wie stressresistent bist Du, wenn es um Dein eigenes Geld geht? Bereitet Dir die Situation womöglich schlechte Laune oder gar schlaflose Nächte?
Du kannst das jetzt nicht mehr ändern. Aber es gibt eine Zeit danach. Und in der kannst Du Dich dann besser aufstellen. Bei mir selbst ist es wieder einmal die Cashquote, die viel zu niedrig ist. Das war bei Corona schon so und ich habe nichts daraus gelernt. Aber gleichzeitig bin ich so aufgestellt, dass ich das jetzt gut aushalten kann. Ich kann nur die Kursrückgänge nicht massiv zum Nachkaufen nutzen. Aber okay, damit kann ich leben. Wichtig ist, dass ich nichts panisch verkaufen muss.
Und ich kann inzwischen auf die Erfahrung zurückblicken, dass ich 3 dieser 4 besonderen Ereignisse live miterlebt habe und mich keines davon aus dem Markt geworfen hat. 1987 war ich noch zu jung und hatte nur mein Taschengeld und andere Interessen. 2008 sammelte ich dann die ersten Crash-Erfahrungen und konnte im Nachgang die besten Deals meines Börsenlebens machen. Damals lagen Hybridanleihen europäischer Banken am Boden und die Märkte glaubten nicht mehr an eine Erholung der Banken nach der Lehman-Pleite. Es kam bekanntlich anders…
Und seitdem habe ich auch keine Angst vor solchen Situationen, sondern sehe sie positiv. In jedem Börsenabsturz liegen auch Chancen. Und ich bin sicher, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten noch einige solcher Kaufgelegenheiten sehen werden! Bei Titeln oder Instrumenten an die wir heute noch nicht denken. Am Freitag war Gold, der eigentlich sichere Hafen, im Minus, weil offenbar viele Investoren verkaufen mussten. Das war jetzt noch nicht dramatisch, zeigt aber, dass es genau solche Situationen immer wieder gibt.
Ein anderes Beispiel sind Bundesanleihen: Vor einem Monat waren sie noch stark unter Druck, weil die Schuldenbremse aufgeweicht wurde und die Staatsverschuldung hochgefahren wird. Jetzt auf einmal sind die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen wieder von 3,0 auf 2,5% gesunken. Weil deutsche Schulden nun plötzlich als sicherer Hafen gelten. Vorhersehen konnte das niemand und wirklich überzeugend sind die Gründe auch nicht. Aber das ändert nichts daran, dass sich hier deutliche Veränderungen in der Einschätzung ergeben haben.
Und das macht Börse so faszinierend. Ich wünsche Dir weiterhin starke Nerven und ein glückliches Händchen bei Deinen Anlageentscheidungen. Und freue mich, wenn wir fleißig weiter in den Kommentaren diskutieren und Einschätzungen und Ideen teilen.


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